Robotik und Automatisierung im Pilzbetrieb: Zukunft oder schon Realität?

Roland van Doremaele gab auf der BDC-Tagung 2021 einen Einblick in innovative Techniken im Bereich des Pilzanbaus

Automatisierung und Robotik sind längst keine Zukunftsthemen mehr – auch nicht in der Pilzbranche. Die Firma Christiaens Agro Systems betreut inzwischen zahlreiche Projekte in europäischen Pilzbetrieben, wo neue Techniken bereits erprobt werden. Auf der Jahrestagung des Bundes Deutscher Champignon- und Kulturpilzanbauer gab Roland van Doremaele, Verkaufsmanager bei Christiaens, einen Einblick in die laufenden Projekte und wagte erste Prognosen, ob und wie Roboter eine Zukunft in der Pilzbranche haben werden.


„Bevor man etwas entwickelt, muss man grundsätzlich erst einmal schauen, was denn schon bewiesen ist und tatsächlich funktioniert“, betont van Doremaele. Denn neue Techniken und Systeme nützen nichts, wenn sie zu kompliziert und schwierig in der Umsetzung seien. „Solche Systeme überleben auf Dauer nicht. Das Handling muss für alle Beteiligten simpel und machbar sein“, erklärt er weiter. Innovationen im Bereich der Automatisierung werden künftig im Pilzanbau eine immer zentralere Rolle spielen, da steigende Kompost- und Energiepreise die Branche zunehmend belasten. Hinzukommt das Problem um die Verfügbarkeit von Saisonarbeitskräften, das sich aktuell mit dem Krieg zwischen Russland und Ukraine eventuell sogar noch verschärfen wird. Neue Techniken, die den Betrieben genau in diesen Bereichen unterstützen können, sind daher gefragt.

Der Anfang ist gemacht

Einige Entwicklungen sind schon heute in den Betrieben angekommen. Dazu gehört neben offenen Flächen bei der Ernte beispielsweise auch das strikte Trennen des Pinnings von der Ernte. „Die Trennung kann ein großer hygienischer Vorteil sein. Auch wenn man noch traditionell Pilze produziert“, meint van Doremaele. Der nächste Schritt ist der Einsatz von kippbaren Stellagen oder sogar einem Schubladensystem im Bereich der Ernte. Christiaens hat zusammen mit euro champignon eine Anlage mit kippbaren Stellagen gebaut. Der Vorteil dieses Systems liegt in dem großen Drehwinkel der Stellagen und der Ernteplattform, die sich entlang der gesamten Stellage zieht. „Die Arbeitskräfte können sich so auf den Laufwegen flexibel hin- und herbewegen“, erklärt der Verkaufsmanager. Das Pflückband befindet sich direkt neben der Seitenplanke, sodass die gepflückten Pilze direkt dort abgelegt und von dort aus weiterbefördert werden können.


Noch weiter geht das Schubladensystem, das bereits in einigen Betrieben in Großbritannien im Einsatz ist und aktuell beim niederländischen Bio-Champignonzucht- und Handelsbetrieb Heereco in Uden in Kooperation mit Christiaens aufgebaut wird. Hier befindet sich in der Mitte des Ernteraumes eine Plattform, die an den Schubladen hoch- und heruntergefahren werden kann. Die Schubladen können zudem von links nach rechts und umgekehrt gezogen werden. „Es kann also immer dort geerntet werden, wo es gerade nötig ist.“ Die Geschwindigkeit der gezogenen Schubladen kann dabei zwischen null und sechs Metern pro Minute reguliert werden. In der Mitte der Ernteplattform befindet sich eine sogenannte Erntescheibe, die konstant rotiert. Auf der einen Seite werden die Pilze gepflückt und dann in die Scheibe platziert. Auf der anderen Seite entnehmen Mitarbeiter*innen die Pilze und ordnen sie in Kartons oder Kisten, die wiederum von dort aus über ein Band direkt weitertransportiert werden können. „Bei Heereco werden wir ein zentrales Packlager bauen. Im Packlager kann bereits vorgegeben werden, welche Packungsgrößen gewünscht sind. Diese Info wird an die Ernteplattform weitergegeben, sodass dorthin immer sofort die passende Kartongröße befördert wird“, erklärt van Doremaele. Der vorgegebene Abstand der Finger, also der Platz, in welchen die Pilze auf der Scheibe platziert werden, ist einheitlich festgelegt – was auch eine künftige Automatisierung einfacher macht. Außerdem kann ein automatischer Schneidestempel eingesetzt werden, der weniger Verluste bei der Ernte verursacht. „Das A und O dieser Systeme ist letztlich die Logistik. Das muss alles aufeinander abgestimmt sein, nur dann ist diese Technik auch erfolgreich.“ Erforderlich sind beispielsweise zusätzliche Bänder, die die Karton- und/oder Kistenzulieferung möglich machen sowie die geernteten Pilze weiterbefördern.


Damit alles Hand in Hand läuft, muss es künftig gelingen, die Daten zu organisieren und verfügbar zu machen. „Wir glauben, dass unter diesen Voraussetzung eine Automatisierung auf jeden Fall kommen wird. Denn Computer können genauere Entscheidungen treffen als der Mensch“, betont der Verkaufsmanager von Christiaens. Möglich wäre es, beispielsweise in kippbaren Stellagesystemen, automatisierte Pflückarme einzusetzen, die über eine Kamera detektieren, welche Pilze erntereif sind. Auch im Schubladensystem kann mit Robotern gearbeitet werden, die erntereife Pilze abscannen. Der Vorteil hier wäre die stabile Position des Roboters. Dieser könnte beispielsweise in der Ernteplattform integriert sein, während er im kippbaren Stellagesystem immer in Bewegung und an verschiedenen Stellen im Einsatz sein müsste. Das macht das Handling deutlich schwieriger. „Es sind noch einige Schritte bis zu einer vollen Automatisierung nötig. Aber es wird kommen, denn die Notwendigkeit ist groß!“

Vorsitzender Michael Schattenberg (r.) bedankte sich bei Roland van Doremaele für
den spannenden Vortrag zu Automatisierung und Robotik im Pilzanbau.

Text: BDC
Bilder: BDC

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